Schildkröte oH--1

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen (AVWS)

Was versteht man darunter?

Die reine Form von AVWS ist sehr selten. Sie liegt nur vor, wenn folgende Voraussetzungen erfüllt sind:

  • Keine Einschränkungen des peripheren Gehörs
  • Normale Intelligenz (Grenzwert 85)
  • Keine Legasthenie/Lese-Rechtschreibschwäche
  • Kein ADS/ADHS
  • Vorliegen von Störungen in der Selektion, in der Lautdifferenzierung/Lautbewusstheit und im auditiven Gedächtnis

In allen anderen Fällen handelt es sich um Teilleistungsstörungen, deren Ursprung sehr mannigfaltig sein kann. Deshalb ist es sehr dringlich, vor der Zuordnung in einen Förderbereich die ähnliche Symptome aufweisenden Störungen („Komorbiditäten“) zu testen und auszuschließen.

Hierzu ist neben einem in diesem Gebiet erfahrenen Pädoaudiologen ein ebenso in diesem Gebiet eingearbeiteter Psychologe / eine Psychologin zu Rate zu ziehen und es müssen diverse Tests durchgeführt werden. Erst nach der Auswertung dieser Tests kann entschieden werden, welcher Förderbereich für das jeweilige Kind richtig ist.

Warum häufen sich derzeit Fälle mit so genannten Auditiven Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen?

  • Veränderung der schulischen Landschaft durch Schulreformen insbesondere im Bereich der Förderschulen:
  • Veränderte Rahmenbedingungen an den Grund- und Hauptschulen: teilweise sehr große Klassen, hoher Anteil von sozial auffälligen Kindern, hoher Anteil von Schülern mit fremder Muttersprache, Leistungsdruck wegen Übertritt an weiterführende Schulen usw.
  • Nur noch wenige Schulen zur Sprachförderung vorhanden (bisher haben Schulen zur Sprachförderung weitgehend diese Schülerschaft aufgefangen)
  • Allgemeine Förderzentren nehmen teilweise keine Kinder mit Normalbegabung auf, sie führen kaum mehr Klassen, die nach dem Lehrplan der allgemeinen Grund- und Hauptschule arbeiten, sie werden von den Eltern häufig abgelehnt und sie erfüllen nur einen Teil des Förderbedarfs von AVWS-Kindern
  • Für Schüler mit zentralauditiven Teilleistungsstörungen gibt es derzeit keine geeignete schulische Heimat!
  • Veränderte Unterrichtsmethoden: Schüler mit AVWS oder mit zentralauditiven Teilleistungsstörungen brauchen klare Unterrichtsstrukturen. Sie sind außerdem auf einen möglichst großen Störschall/Nutzschall-Abstand (möglichst wenig Störlärm!) im Unterricht angewiesen. Zur visuellen Orientierung brauchen sie klare Bezugspunkte (z.B. zur Unterstützung des vom Mund Absehens). Zur situativen Orientierung und zur Unterstützung kompensatorischer Fähigkeiten ist eine möglichst klare Strukturierung des Unterrichts notwendig. Viele derzeit verwendete Unterrichtsmethoden (Freiarbeit, Gruppenarbeit etc.) wirken dem Bedarf dieser Kinder an klar erkennbaren Erziehungs- und Führungsstrukturen entgegen.
  • Zunahme der Kinder mit Allergien, die sich auf die Hörleistung auswirken und somit diverse Symptome im Bereich der auditiven Verarbeitung auslösen.
  • Zunahme der Schüler mit fremder Muttersprache: Wenn zu dem Problem der fremden Muttersprache zentralauditive Teilleistungsstörungen kommen, werden die Folgen davon erheblich verstärkt.
  • Thematisierung des Problems der zentralauditiven Verarbeitung und Sensibilisierung der Ärzte:
  • Eine Reihe von Forschungsprojekten hat die zentralauditive Wahrnehmung und Verarbeitung in den Fokus von Ärzten, Psychologen und Pädagogen gerückt. Auf der Suche nach geeigneten Förderorten wurde (manchmal vor-)schnell das Förderzentrum Förderschwerpunkt Hören entdeckt und wird auch weitgehend empfohlen.


    Welcher Förderort kommt für Kinder mit AVWS in Frage?

    Förderbereich Hören:
  • + Kleine Klassen
  • + Klare Unterrichtsstrukturen
  • + Klar strukturiertes Sprachangebot durch Lehrer
  • + Schallgedämmte Klassenzimmer
  • + Visuelle Unterstützung
  • -  AVWS Kinder sind häufig den peripher hörgeschädigten Kindern sprachlich überlegen
  • -  AVWS Kinder sind häufig sehr unruhig und bringen viel Unruhe in den Unterricht, sodass sie den Lernfortschritt peripher hörgeschädigter Kinder stören
  • -  AVWS Kinder tragen keine Hörgeräte, der gesamte technische Förderbereich entfällt
  • -  Kaum Aufnahmekapazität wegen voller Klassen am Förderzentrum Hören

    Förderbereich Sprache:
  • + Kleine Klassen
  • + Förderung der expressiven Sprache einschließlich Artikulation
  • + Sprachförderung
  • - keine Störlärm-gedämmten Klassenräume

    Allgemeines Förderzentrum:
  • + Klassen kleiner als an allgemeinen Grundschulen/Hauptschulen
  • + Sprachförderung
  • - nimmt z.T. keine normal begabten Schüler auf
  • - wird von vielen Eltern abgelehnt

    Diagnose- und Förderklassen:
  • + Intensivere Förderung als an allgemeinen Grundschulen/Hauptschulen
  • + Sprachförderung
  • - inhomogene Lerngruppen
  • - Schullaufbahn am Ende der 3 Jahre unklar

    Grund- und Hauptschulen:
  • + Wohnortnahe Beschulung
  • + Soziale Einbindung
  • + Mobiler Sonderpädagogischer Dienst
  • - Große Klassen
  • - „Laute“ Klassenzimmer
  • - Keine ausreichenden Unterstützungsmaßnahmen

    Kein Förderort kann den Förderbedarf von Kindern mit AVWS (auch Teilleistungsstörungen) voll abdecken, es bleiben immer Förderbereiche unversorgt. Deshalb ist es wichtig, bei jedem Kind individuell den Schwerpunkt des Förderbedarfs zu ermitteln und danach den Förderort auszuwählen.

                                                        
    © Eberhard Ried

Informationen zu AVWS: Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Phoniatrie und Pädaudiologie

 

Artikel von Prof. Dr. Ptok zu AVWS

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