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Auswirkungen geringgradiger Hörstörungen auf die Entwicklung von Kindern (“Kleine Ursache - große Wirkung”)
Mit zunehmendem Maße werden uns Kinder mit Schulproblemen vorgestellt, bei denen die Ursachen nicht klar zu erkennen sind. Diese Kinder zeigen die unterschiedlichsten Symptome, die einzeln oder zusammen auftreten können:
- Konzentrationsstörungen bis hin zum Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom
- Entwicklungsverzögerungen und besonders Sprachentwicklungsverzögerungen
- Lernstörungen bis hin zum Schulversagen
- Verhaltensprobleme: von ängstlicher Zurückgezogenheit bis hin zur extremen Lautheit, sich-in-den-Vordergrund-Spielen, Aggressivität; häufig ist das Kind ein Außenseiter
- Lese-Rechtschreib-Schwäche bis hin zur Legasthenie
- Rechenprobleme bis hin zur Dyskalkulie
- Grob- und/oder feinmotorische Auffälligkeiten
Sehr häufig zeigen sich bei diesen Kindern aber noch andere Auffälligkeiten:
- Mundatmung, verbunden mit einer flachen Hochatmung
- Starke Anfälligkeit für Erkältungskrankheiten
- Zappeligkeit, innere Unruhe bis hin zur Hypermotorik
- Unruhiger Schlaf
Das Problem dieser Kinder wird häufig äußerst unzureichend mit dem Begriff „Zentralauditive Verarbeitungs- bzw. Wahrnehmungsstörung“ bezeichnet. Während sich bei einigen wenigen Kindern diese Diagnose während der intensiven Fördermaßnahmen bestätigen, so zeigt sich bei einem Großteil dieser Kinder diese Diagnose als eine ungeeignete Schublade, in die man diese Kinder steckt und ihnen damit eine geeignetere Therapie verweigert! Leider sehe ich in der Diagnose ZAW einen Modebegriff, er erinnert mich stark an das Phänomen der „Akustischen Agnosie“, das in den 60er und 70er Jahren ziemlich die gleichen Symptome beschrieb, aber ebenso wie jetzt bei ZAW nur unzureichende Therapien anbot. Somit stellte diese Diagnose „Akustischen Agnosie“ für die betroffenen Kinder keine Hilfe dar und verschwand deshalb bald wieder vom Erdboden. Nah benachbart zeigt sich auch die Perzeptive Wahrnehmungs-störung. Eine genaue Abgrenzung dieser Störungen untereinander ist meiner Meinung nach fast unmöglich.
Seit 1977, dem Beginn meiner Beratungstätigkeit, werden mir immer wieder Kinder mit diesen Auffälligkeiten vorgestellt. Grob gerechnet dürften es bis heute an die 10.000 Kinder gewesen sein, die ich mit dieser oder ähnlicher Problematik gesehen habe.
Diesen Kindern droht in vielen Fällen das Schulversagen, obwohl sie meiner Einschätzung nach genau das gleiche Intelligenz-Spektrum wie Kinder ohne diese Problematik besetzen. Bei stichpunktartigen psychologischen Tests wird dies immer wieder bestätigt. Sie besuchen nach meiner Erfahrung fast alle Schultypen von Grund- und Hauptschule bis hin zum Förderzentrum. Häufig werden auch Diagnose- und Förderklassen von diesen Kindern besucht. Weiterführende Schulen sind in Folge der Aufmerksamkeits- und Lernstörungen meist keine gangbare Alternative, wenn nicht rechtzeitig in möglichst frühem Alter* die Problematik richtig erkannt und therapeutisch behandelt wird. In der Vergangenheit haben die sog. Sprachheilschulen einen Großteil dieser Schüler aufgefangen, leider sind mit dem Entstehen der Förderzentren entsprechende Möglichkeiten weniger geworden.
* möglichst im Vorschul-Alter, spätestens am Anfang der Grundschulzeit
Erscheinungsbild der Kinder/Symptome:
In der Zeit vor dem Kindergarteneintritt, also im Alter von 2 bis ungefähr 4 Jahre, zeigen sich diese Kinder meist unauffällig. Jedoch könnte man in vielen Fällen bei entsprechender Sensibilisierung bereits Hinweise auf eine derartige Störung erkennen: derartige Hinweise können sein:
- Mittelohrentzündung oder gar –eiterung
- „rasselndes“ lautes Atmen bis hin zum Schnarchen
- Atmung häufig durch den Mund
- Häufige Erkältungskrankheiten
- Später Sprechbeginn
- Gleichgewichtsprobleme
- Später Beginn mit dem Laufen
- Motorische Auffälligkeiten
- Verdacht auf Polypen
- Mundmotorische Auffälligkeiten (z.B. sog. „verkürztes Zungenbändchen“)
- Oft aber wird nur eines der beschriebenen Symptome erkennbar, manchmal kann man sogar keines der Symptome feststellen!
Im Kindergartenalter zeigen sich diese Kinder ebenso häufig völlig unauffällig. Bei anderen Kindern können die genannten Auffälligkeiten auftreten, hinzu können erste soziale Auffälligkeiten kommen. Manche der Kinder, die bereits im Kindergarten auffallen, besuchen dann eine Dia Fö-Klasse.
Bei Kinder zeigen sich die ersten Auffälligkeiten in der ersten Klasse, meist aber in der zweiten Klasse:
- Konzentrationsstörungen
- „Zappelphilipp“
- sehr zurückgezogen
- zeigt in Teilbereichen Ausweichverhalten
- Probleme beim Schreiben- und Lesen-Lernen
- Unsicherheiten in der Rechtschreibung
- Soziale Auffälligkeit: zurückgezogener Außenseiter oder Klassenkaspar, der sich in den Mittelpunkt spielt, aggressives Verhalten ...
Weitere Hinweise auf derartige Störungen sind auch in dem Schaubild aus dem Buch „Bausteine der kindlichen Entwicklung“ von Jean Ayres zu erkennen. Das hier beschriebene Störungsbild ist zwar nicht deckungsgleich mit dem von mir beschriebenen Problem, es gibt aber eine gemeinsame Schnittmenge. Und nicht selten sind nämlich diese Störungen gegenseitig überlagert.
Hörbeeinträchtigung:
Befrägt man die Eltern, ob sich in der bisherigen Entwicklung des Kindes irgendwelche Auffälligkeiten mit den Ohren bzw. beim Hören gezeigt haben, so erhält man fast stereotyp die gleichen Antworten: sie waren mit dem Kind ein- oder mehrmals beim Kinder- oder HNO-Arzt, es wurde aber nichts oder nur Unwesentliches festgestellt. Die Hörleistung – wenn sie denn überprüft wurde! – war in Ordnung. Manchmal wurden etwas vergrößerte Rachenmandeln („Polypen“) oder Gaumenmandeln festgestellt, gegebenenfalls auch mal eine Mittelohrentzündung, aber nach Gabe von Antibiotika sei alles wieder in Ordnung gewesen.
Hier gibt es aus pädagogischer Sicht einige kritische Anmerkungen:
- Die Hörleistung bei Kindern im Vorschulalter oder gar in den ersten drei Lebensjahren festzustellen ist sehr schwierig und bedarf neben der geeigneten apparativen Ausrüstung viel Geduld und Zeit und außerdem enormer Erfahrungen. Diese Voraussetzungen sind im Praxisbetrieb häufig nicht gegeben.
- Jeder Hörtest ist bei der beschriebenen Störung eine Momentaufnahme, die Hörleistung kann in diesen Fällen sehr stark nach oben oder unten schwanken. Besonders bei Hörtests im Sommer fallen dann Kinder nicht so auf, die in der kälteren Jahreszeit an deutlichen Hörbeeinträchtigungen leiden
- Viele Screening-Hörmess-Verfahren sind zu grob, um die geringgradigen Hörstörungen zu erfassen
- Viele klinischen Hörmessverfahren dienen der Erfassung massiver Höreinschränkungen oder der Diagnostik lebensbedrohlicher Erkrankungen, sind aber oft nur unzureichend geeignet, diese geringgradigen Hörstörungen zu erfassen
- Das Problembewusstsein der Ärzteschaft für die Auswirkungen auf die Entwicklung eines Kindes in Folge der beschriebenen Störung ist aus verständlichen Gründen meist nicht vorhanden: Erstens handelt es sich um etwas Geringgradiges, das sich – erfahrungsgemäß - mit zunehmendem Alter des Kindes meist von selbst gibt. Zweitens ist es nicht Aufgabe des HNO-Arztes, sich mit den Schul- oder Lernproblemen des Kindes zu befassen, weshalb er auch nicht den Überblick haben kann, dass es hier Zusammenhänge gibt. Und drittens gibt es kaum wissenschaftliche Erhebungen und Ergebnisse, die diese Zusammenhänge deutlich machen. Leider konnte ich in diesem Zusammenhang bisher niemand aus dem Hochschulbereich finden, der sich dieses Problems wissenschaftlich angenommen hätte.
Pathologische Beschreibung:
Tubenfunktionsstörungen: in Folge der beim Kleinkind noch beengten Verhältnisse insbesondere der Eustachischen Röhre und in Folge von frühkindlichen – manchmal in den Entbindungskliniken erworbenen – hartnäckigen Infektions- und Erkältungskrankheiten ist die Funktion der Eustachischen Röhre gestört: die Tube verklebt und öffnet sich nicht mehr; im Mittelohr entsteht Unterdruck, der das Trommelfell nicht mehr frei schwingen lässt. Da sich dieser Zustand sehr häufig über Monate oder sogar Jahr hinzieht, bildet sich mit der Zeit hinter dem Trommelfell Flüssigkeit, die sich weiter zu einer zähflüssigen klebrigen Masse verändern kann und sich auch entzünden (Mittelohr-Entzündung) oder zur Mittelohr-Eiterung werden kann. In jedem dieser Fälle besteht eine gering- bis mittelgradige Höreinschränkung.
Häufig leiden diese Kinder in den ersten zwei bis drei Lebensjahren an dieser Höreinschränkung, die nicht erkannt wird. Mit dem Wachstum des Kindes verflüchtigt sie sich häufig bis zum Schuleintritt; zurück bleiben allein die Entwicklungsfolgen dieser Hörstörungen.
Qualitative Beschreibung:
In den ersten drei Lebensjahren, die als die „sensitive Phase“ in der Entwicklung eines Kindes gilt, können Einschränkungen in einer der Wahrnehmungsmodalitäten zu massiven Entwicklungsstörungen führen. Ich beschreibe im Folgenden die möglichen Auswirkungen eingeschränkter auditiver Wahrnehmung:
Durch die fehlende oder quantitativ und qualitativ mangelhafte Wahrnehmung vieler sprachlicher, atmosphärischer, sozialer Informationen und Reize fehlen dem Kind wichtige Informationen zur Gesamtsituation, zur Begriffsbildung, zur Bildung sprachlicher Formeln usw. Deutlich kann man dieses Phänomen mit folgendem Beispiel machen: das Kind nimmt am familiären Leben, das sich für ein normalhörendes Kind ganz natürlich akustisch erschließt, wenn die Eltern bei geöffneter Zimmertür im Nebenraum sind, nicht oder nur bruchstückhaft teil. Ein großer Teil der Informationen erreicht das Kind nicht, gerade das für die aktive Sprache so wichtige passive Sprachverständnis kann sich so nur unzureichend entwickeln. Diese stark eingeschränkte Situations- und Sprachwahrnehmung im frühen Kindesalter hat aber neben einer gestörten Situations- und Sprachaufnahme eine wesentlich gravierendere Folge:
In den ersten drei Lebensjahren lernen die verschiedenen Sinne, zusammenzuarbeiten und Synergien zu bilden, im Gehirn werden die Grundstrukturen dieser Zusammenarbeit der Sinne gelegt: Sehen, Hören, Tasten/Fühlen, Schmecken/Riechen, Eigenwahrnehmung (Propriozeption). Dabei spielt das Hörorgan, das anatomisch mit dem Gleichgewichtsorgan verbunden ist, eine ganz gewichtige Rolle. Jean Ayres hat dies in ihrem Buch „Bausteine der kindlichen Entwicklung“ sehr klar beschrieben.
Wenn nun in Folge von Störungen der akustischen Wahrnehmung und im verschärften Fall in Folge von Störungen des Gleichgewichtsorgans der Aufbau der grundlegenden Gehirnstrukturen gestört ist, so wird die „sensorische Integration“ gestört sein. D.h. die Unsicherheit in einem Wahrnehmungsbereich verhindert die gesicherte Verbindung zu den anderen Wahrnehmungsbereichen. Das hat zur Folge, dass das Kind z.B. bei der Begriffsbildung die Klanggestalt nicht mit der visuellen Wahrnehmung und dem „Begreifen“ zusammenbringt. Somit kann keine gesicherte Begriffsbildung erfolgen. Später folgt dann noch das Schriftbild, wobei die Grapheme nicht mit den unklar gespeicherten Phonemen gesichert in Einklang gebracht werden können. So besteht weder eine gesicherte Verbindung zum visuell gespeicherten Engramm noch zum Graphem oder zur Tastgestalt. Eine Vernetzung im Gehirn findet nicht oder nur unzureichend statt.
Diese Zusammenhänge möchte ich mit folgendem Beispiel verdeutlichen:
Im Alltag fällt der Begriff „Tasse“. In Folge der Hörbeeinträchtigung nimmt das Kind zwar die beiden Vokale „a“ und „e“ und die Zweisilbigkeit wahr, der Initial-Konsonant „T“ und die Konsonanten „ss“ werden aber nicht unterscheidungsfähig wahrgenommen. Nun gibt es aber viele Begriffe, die zweisilbig sind und die beiden Vokale „a“ und „e“ in dieser Reihenfolge beinhalten und für das hörgestörte Kind nicht unterscheidungsfähig sind: „Nase“, „Hase“, „Gabel“, „Arme“, „Katze“, „Haare“, um nur einige altersentsprechende Begriffe zu nennen. Dem hörgeschädigten Kind kann die eindeutige Zuordnung des Gegenstandes Tasse zur phonetischen Gestalt „Tasse“ so nicht gelingen, denn es klingt eben wie „Nase“, „Hase“, „Gabel“, „Arme“, „Katze“, „Haare“ usw.
Entscheidend für die Auswirkungen der geringgradigen Hörstörungen sind folgende Kriterien:
- Ausmaß der Höreinschränkungen
- Entwicklungsphase und Stand der Hirnreife, in der die Höreinschränkung auftritt
- Dauer der Störung
- Schwankungsbreite der Störung
- Einsatz und Qualität der therapeutischen Maßnahmen
Mögliche Ursachen für das Nichterkennen dieser Störungen:
- Da Eltern ihr Kind in dieser Altersstufe vorwiegend aus der Nähe ansprechen und das Kind situationsgerecht reagiert, fällt es oft den Eltern nicht auf.
- Kinderärzte und HNO-Ärzte sind bei dieser Altersstufe manchmal nicht in der Lage, gering- bis mittelgradige Höreinschränkungen zu erkennen oder schicken bei Verdacht nicht an eine entsprechende Klinik weiter; auch versagen häufig die Untersuchungsmethoden ERA/BERA bei geringeren Störungen
- Leider werden die Folgen in der Entwicklung meist erst dann deutlich, wenn Auffälligkeiten in der Sprachentwicklung oder Schulprobleme auftauchen. Zu diesem Zeitpunkt ist die Hörstörung aber oft nicht mehr vorhanden oder es ist nur noch eine ganz geringe Hörauffälligkeit feststellbar. Der Zusammenhang zwischen frühkindlicher Hörstörung und Sprachentwicklungsverzögerung oder/und Schulproblemen kann so nicht mehr erkannt werden!
Die Rolle der richtigen Atmung bei Kindern mit geringgradigen Hörstörungen:
Bei einem Großteil der beschriebenen Kinder zeigen sich Auffälligkeiten der Atmung. Diese Kinder fallen durch eine ausgeprägte Mundatmung auf. Außerdem ist dann festzustellen, dass es sich um eine sehr flache und hohe Atmung handelt, bei der das Zwerchfell nicht beteiligt ist. Dazu ist folgendes anzumerken:
- Bei Mundatmung wird ungereinigte und nicht erwärmte Luft eingeatmet. Dabei wird die Schleimhaut mit Staubpartikeln belastet und die Schleimhäute trocknen aus. Dadurch nimmt die natürliche Abwehrkraft der Schleimhäute ab, es kommt zur erhöhten Bereitschaft für Infektions- und Erkältungskrankheiten. Bei Nasenatmung hingegen wird die Luft in der Nase durch Härchen und Flimmerepithele gereinigt (für jeden erkennbar, wenn er sich schneuzt!) und angewärmt, somit wird der Organismus wesentlich geringer belastet.
- Die Auskleidung des Mund- und Rachenraumes mit Schleimhäuten erstreckt sich nach unten bis zu den Bronchien, aber auch nach oben über die Eustachische Röhre bis zum Mittelohr. Bei erhöhter Anfälligkeit der Rachen- und Gaumenschleimhäute ist in der Regel auch die Eustachische Röhre und das Mittelohr betroffen. Manchmal zeigen sich der gesamte Atembereich von asthmatischen Beschwerden bis hin zur Mittelohrschwerhörigkeit gestört.
- Bei der flachen Hochatmung arbeitet besonders die Muskelregion*, die Schlüsselbein und Unterkiefer verbindet. Durch die Tätigkeit dieser Muskeln wird beim Atmen automatisch der Unterkiefer nach unten gezogen, der Mund steht offen! Versuchen Sie, flach oben zu atmen, es fällt Ihnen sicher schwer, dabei den Mund zu schließen!
* (musculus sternohyoidus, musculus digastricus...)
Kinder mit ausgeprägter Mundatmung haben häufig immer wieder Probleme mit dem Mittelohr! Wenn mir im Rahmen meiner Tätigkeit Kinder vorgestellt werden, sehe ich sehr häufig bereits an Atmung und Mundstellung, ob hier eine Höreinschränkung vorliegt oder nicht. Die genaue pädagogisch-audiologische Abklärung bestätigt fast immer meinen ersten visuellen Eindruck.
Als sehr problematisch erweisen sich in diesem Zusammenhang Kinder mit Allergien. Hier kann die Allergie ebenso eine ausgeprägte Mundatmung verursachen, eine Therapie ist aber in diesen Fällen wesentlich schwieriger. Problematisch sind auch Kieferfehlstellungen (z.B. kuppelartiger „gotischer“ Gaumen). Hier bleibt für die Atemwege manchmal einfach zu wenig Raum übrig, damit eine ungestörte Nasenatmung möglich ist. Und eine kieferorthopädische Behandlung ist oft erst im Hauptschulalter möglich.
Als weiterer Aspekt darf nicht übersehen werden, dass die Atmung ein automatisierter Prozess ist, eine Umstellung der Atmung ist nur von Fachkräften durchzuführen, die Erfolgsaussichten dabei sind leider sehr begrenzt. Und je länger die „falsche“ Atmung automatisiert abläuft, um so schwieriger erscheint hier eine Veränderung möglich!
Mögliche Maßnahmen zur Minimierung etwaiger Entwicklungs- und Lernstörungen:
a) Maßnahmen zur dauerhaften Sicherung einwandfreien Hörens:
- Hals-Nasen-Ohren-ärztliche Maßnahmen (Tubenfunktion*, Atmung*, Stärkung der Funktion der Mundschleimhäute und des lymphatischen Systems, Gaumensegelfunktion ... )
- ärztliche Maßnahmen zur Verbesserung der Abwehrkräfte
- * auf richtiges Atmen achten bzw. richtiges Atmen anbahnen! Falsch: Hochatmung, Mundatmung; diese führt zu Dispositionen der Mund-Rachen-Nasenschleimhäute und somit zu häufigen Entzündungen der Schleimhäute und somit zu Tubenfunktionsstörungen
- ggfls. kieferorthopädische Maßnahmen
- Abklärung von Allergien und Lebensmittelunverträglichkeiten
- b) Maßnahmen im häuslichen Umfeld:
- Vermeidung von jeglichen Erkältungskrankheiten: gesundes Wohnklima besonders in der Heizperiode: Luft nicht zu warm und zu trocken (z.B. Zimmerpflanzen, Luftbefeuchter Salz-Ionisator etc.), Hausschuhe, nicht mit nassen Haaren herumlaufen, geeignete Kleidung ...
- dem Kind richtiges Schneuzen beibringen und immer Taschentücher mitgeben
- bei vorliegenden Tubenfunkionsstörungen: z.B. Kaugummi kauen
- Musikberieselung (Radio / Fernsehen / Kassette / CD usw.) vermeiden!
- Klare Erziehungsstrukturen verwenden (z.B. klare , fürs Kind erkennbare, Grenzen setzen)
- Klare Elternsprache: keine sprachliche Überforderung z.B. durch allzu abstrakte Begriffe oder durch verschachtelte Sätze, aber auch keine sprachliche Unterforderung ("Babysprache"): klare Inhalte, klare Begriffe, klar gegliederte Sätze verwenden!
Für diese Fördermöglichkeiten empfiehlt es sich meist, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen (z.B. entsprechende Einrichtungen, Vorschulen, Förderschulen oder Förderlehrer, Heilpädagogen, Therapeuten wie Ergotherapeut oder Logopäde usw.)
- Vorübungen zur Wahrnehmungsdifferenzierung
- Vorübungen zur Verbesserung der allgemeinen Konzentration
- Verbesserung der auditiven Aufmerksamkeit, Hörübungen
- Übungen zur Lautdifferenzierung
- Übungen zur Verbesserung der phonologischen Bewusstheit / der phonematischen Differenzierung
- Übungen zur Verbesserung des auditiven Gedächtnisses (Merkfähigkeit und Sequenzierung)
- Artikulationsübungen
- Übungen zur auditiven Figur-Grund-Gliederung z.B. mit Störrauschen
- systematische Förderung von Umwelterfahrungen und Auf- und Ausbau des Begriffsschatzes und des Wortschatzes
- Hörübungen zum Gestaltschließen, Verbindung mit dem Schriftbild
- Übungen zur Förderung antizipatorischer Fähigkeiten
- rhythmisch-musikalische Erziehung
- Maßnahmen zur Verbesserung der Atmung: Abbau der Mundatmung und Verbesserung der Zwerchfellatmung
- Maßnahmen zur Verbesserung des Zusammenwirkens der Wahrnehmungsmodalitäten ("sensorische Integration")
- d) Maßnahmen in Kindergarten und Schule:
- für geeignete Raumakustik sorgen: durch geeignete Wand- Decken und Bodenflächen (Teppiche, Vorhänge, Schallschluckwände/-decken etc.) für möglichst geringen Raumhall sorgen
- Störlärm vermeiden (z.B. durch diszipliniertes Arbeiten in Kindergarten und Schule)
- für gute Raumausleuchtung sorgen (Gesicht des Sprechers sollte immer gut "abzusehen" sein)
- Raumklima während der Heizperiode nicht zu warm und nicht zu trocken!
- Schule: Sitzplatz nahe zum Lehrer (z.B. im vorderen Drittel), Vermeidung von Gegenlicht (Licht im Rücken des Lehrers durch Blickrichtung zum Fenster, dadurch bei Sonne ständiges Gegenlicht und Gesicht des Lehrers im Schatten!)
- kleine Kindergartengruppen bzw. Klassen sind nicht nur wegen des meist geringeren Störlärms für diese Kinder wichtig! Familiäre Atmosphäre gibt den betroffenen Kindern mehr Sicherheit.
- Gute Zusammenarbeit zwischen Elternhaus und Schule/Lehrer. Durch regelmäßigen Kontakt sollen etwaige auftauchende Probleme sofort erkannt werden und Gegenmaßnahmen ergriffen werden!
In allen Fällen ist es notwendig, dass alle Beteiligten (Ärzte, Therapeuten, Eltern und Erzieher, Lehrer usw.) Verständnis für die Problematik der Auswirkungen frühkindlicher geringer Hörstörungen haben. Ein Problem, das man nicht erkennt, kann man nicht behandeln! Durch das Ignorieren der Zusammenhänge erwächst dem Kind nur zusätzlicher Schaden in Form von unterlassener Hilfeleistung! Und: je später in der Entwicklung des Kindes die speziellen Hilfen einsetzen, um so geringer sind die Aussichten auf Erfolg! Im Schulalter sind die "sensiblen Phasen der Entwicklung" weitgehend abgeschlossen!
Weitere Informationen und direkte Hilfen sind z. B. auf folgenden Websites erhältlich:
Jean Ayres - Bausteine der kindlichen Entwicklung (ISBN: 3-540-55809-8)
Nickisch/Heber/Burger-Gartner: Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen bei Schulkindern (ISBN: 3-8080-0480-0)
Eberhard Ried
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